Kinder zu verantwortungsbewussten und friedensfähigen Mitmenschen erziehen

Man gibt seinem Kind keine Anweisungen bei der Rückkehr, sondern wenn es aufbricht.

Südafrikanisches Sprichwort

kn. Jeder hat in seinem Umfeld, in Schule, Beruf oder Nachbarschaft Menschen aus anderen Ländern, Kulturkreisen und Religionen. Manche sieht man selten, andere jeden Tag. Einzelne grüsst man vielleicht oder spricht mit ihnen ein paar Sätze. Woher sie kommen, wissen wir meistens nur vage. Wie sie im Heimatland gelebt haben, fast nicht. Warum sie bei uns sind und wie sie aufwuchsen, werden die meisten zögern zu fragen. Wie sie sich bei uns fühlen, leben, denken und handeln, wie sie ihre Kinder erziehen und über Politik denken? Wahrscheinlich interessiert das viele, aber die Fremden fragen?
Ich bin sicher, dass die allermeisten gerne bereit sind, auf solche oder ähnliche Fragen eine Antwort zu geben – und es lohnt sich, mit diesen Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Im folgenden Artikel möchte ich versuchen, auf Grund von unzähligen Berichten, die ich bekommen habe, und Erlebnissen, die ich machen durfte, Antworten zu geben. Damit wir, die wir in einer Gesellschaft zusammenleben, uns besser verstehen und verbinden können. Um so mehr, da in einer von Krisen und Kriegen gezeichneten Zeit gegenseitige Achtung, Respekt und ein würdiger Umgang ein immer wertvolleres Gut werden.

Nachdenken über Vorbilder

Kürzlich sagte mir eine afrikanische Freundin, sie verstehe nicht, dass ihre Landsleute, wenn sie einige Zeit in gewissen westlichen Ländern leben, sich häufig sehr veränderten. Viele wären fast nicht mehr wiederzuerkennen. Die für sie selbstverständliche Solidarität untereinander ginge verloren, die Erziehung sei viel weniger konsequent, mit dem Resultat, dass die Kinder nicht mehr auf die Eltern hören und sich sogar teilweise gegen sie stellen. Tüchtigkeit und Zielstrebigkeit seien dahin. Statt dessen rücken Alleingang und Trachten nach Geld und materiellen Dingen in den Vordergrund.
Die Afrikanerin ist kein Einzelfall. So fragte mich zum Beispiel eine Mutter aus Jemen, warum in der zivilisierten westlichen Welt ein Kindergartenkind seine Mutter auf offener Strasse treten darf. Eine Frau aus Tibet machte die Beobachtung, dass ein kleines Mädchen ihre Mutter in der Öffentlichkeit anspuckt, was in ihrem Heimatland undenkbar wäre. Eine Mazedonierin versteht nicht, wieso ein Bub von etwa 5 Jahren seine Mutter entsetzlich beschimpft, weil er nicht das gewünschte Buch bekommt?
Besonders nachdenklich macht folgender Vorfall: Der 12jährige Mohammed wird seit einiger Zeit von einer Sozialarbeiterin betreut, weil er durch Alkoholkonsum und nächtliches Rumtreiben auffällt. Die Bemerkung seiner Mutter und ihrer Kollegin, dass er in Zukunft nachts nicht mehr hinaus dürfe, wischt er mit der Antwort vom Tisch, die Mutter habe ihm gar nichts zu sagen. Er könne sie anzeigen, wenn sie ihn zwingen wolle, nicht rauszugehen. Die Sozialarbeiterin unterstützt die Aussage des Jungen. Das Entsetzen der Mutter und ihrer Kollegin über die dreiste Antwort Mohammeds und den schwindenden Einfluss der Eltern ist verständlicherweise gross.
Zahlreiche ausländische Eltern beschäftigt ein und dieselbe Frage: Warum gestattet ihr – hier im für uns vorbildlichen Westen – euren Kindern so ein Verhalten? Was solche Eltern bewegt, versteht man um so besser, wenn man deren Familienalltag eine Zeitlang miterleben darf.

Erziehung als Grundlagen der Wertebildung

Auf eine der vielen Einladungen hin steht wieder einmal ein Besuch an. Ich habe mir extra viel Zeit freigehalten, weil ich weiss, dass jeder Besuch ein intensives Erlebnis ist. Der Empfang des Gastes ist immer ganz besonders herzlich und wohltuend. Die Freude über sein Kommen ist mit grossem Interesse an ihm verbunden: «Wie war Ihr Tag, geht es der Familie, dem Mann und den Kindern, Ihren eigenen Eltern gut?» Dabei sind die Fragen nicht aufdringlich oder respektlos. Hinzu kommt, egal ob die Einladung morgens, mittags oder abends stattfindet, dass immer die ganze Familie, also auch alle Kinder, anwesend sind. Auffallend ist die zumeist ruhige Familienatmosphäre. Während die Erwachsenen miteinander sprechen, hören die Kinder, egal welchen Alters, aufmerksam zu. Sichtlich daran interessiert, von den Erwachsenen zu lernen, mit grossen Augen und offenen Ohren sind sie gerne dabei. Bringen sich die Kinder ins Gespräch ein, dann mit Beiträgen zum Thema oder mit eigenen ernsthaften Anliegen. Auch wenn die Kinder nach dem Essen zu spielen beginnen, stören sie selten. Kommt es doch einmal vor, reagieren die Eltern ohne Aufregung, geradlinig und sicher in der Annahme, dass das Kind folgen wird. Da wird nicht lange diskutiert und erklärt, warum man jetzt nicht laut sein oder nicht auf den Tisch klettern soll. Klar ist, dem Erwachsenen gebührt Respekt. Bis zum Ende der oft langen Einladung mit anregenden, offenen und lehrreichen Gesprächen bleibt die Familie zusammen. Zum Abschied wird der Besucher bis auf die Strasse hinausbegleitet und von allen höflich und respektvoll verabschiedet.
Die etwas älteren Kinder der Familie haben danach nicht das Bedürfnis, noch in den Ausgang zu gehen. Warum auch, die Eltern beziehen sie in ihr Leben und Denken, in ihren Alltag, die anfallenden Aufgaben und die täglichen Gespräche voll mit ein.
Frage ich die Eltern, wieso sich ihre Kinder so anders verhalten als diejenigen, die sie beobachtet haben, ist die Antwort stets: Wir wurden von unseren Eltern so erzogen, wie wir unsere Kinder erziehen. Bei uns haben die jüngeren nicht nur diese Achtung vor den Eltern, sondern auch vor allen Lebewesen und der Umwelt. Wichtige Grundlagen für das ganze Zusammenleben finden wir in unserer Religion.
Das Vorleben und Einfordern von Werten und Tugenden wie Würde, Respekt, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Fleiss und Disziplin – die Reihe liesse sich noch um vieles erweitern – ist in diesen Familien wirklich auf eine selbstverständliche und natürliche Art vorhanden und wird gelebt. Es ist kein wankelmütiges, zögerndes oder indifferentes Verhalten der Eltern zu beobachten. Das Handeln und Reden mit den Kindern ist echt und unmittelbar, ohne langes Zögern. Es resultiert aus der eigenen Erziehung, vorgelebt von Vater und Mutter, unterstützt durch den grösseren Kreis der Familie, vom Dorf und der Gesellschaft, in der sie gross geworden sind.
Kürzlich hörte ich einen Radiobericht, in welchem Experten anderer Länder ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck brachten, dass Schüler bei uns Lernen oft als «uncool» bezeichnen. Sie würden darum kämpfen, jedes Kind zur Schule schicken zu können.
Die bis zu 15 Kinder, die dreimal wöchentlich freiwillig und mit grossem Einsatz zu mir in die Praxis kommen und darum bitten, lernen zu dürfen, haben ihre Wurzeln in eben solchen Ländern. So sind Erlebnisse wie dieses für mich nicht selten: Eines Nachmittags steht unerwartet ein mir unbekanntes Kind in der Tür. Es ist etwa 8 Jahre alt und sagt: «Ich möchte mich gerne in Mathematik verbessern, darf ich bei Ihnen lernen?» Auf meine Frage, wie und mit wem es denn gekommen sei, ist die Antwort: «Meine Mutter wartet unten, gekommen bin ich über meine Freunde, sie haben davon erzählt, dass man hier lernen darf.» Frage ich am Schluss der Stunde, wer gerne Hausaufgaben mitnehmen möchte, rufen alle erfreut «ich» und haben meist erst mit zwei bis drei Arbeitsblättern genug.
Mitunter scheuen sich auch Jugendliche nicht, um Hilfe zu bitten, und freuen sich, wenn sie ihrerseits andere, jüngere Kinder unterstützen können. Dass sie auch zu Hause ihre Aufgaben übernehmen und nicht der Mutter alles überlassen, ist für sie selbstverständlich. In ihrer Freizeit wollen sie sinnvolle Dinge tun und betrachten die enge Bindung zu den Eltern als natürlich.
Ebenso gerne wie die Kinder lernen, sind die Eltern offen für Anregungen und Hinweise bezüglich der Erziehung. Was sich in Elterngesprächen zeigt, in denen Sorgen und Nöte mit Kindern – auch und gerade von den Vätern – sehr offen vorgetragen werden. Und spricht man vor den Eltern mit ihren Kindern, die sich gerade nicht zu benehmen wissen, einmal deutlich und direkt, sind die Eltern froh, dass noch andere mithelfen – unabhängig davon, ob es sich um Familien aus dem Balkan – oder aus arabischen Ländern, aus Afrika, Asien oder Lateinamerika handelt.
Nun aber zurück zu der Frage der Integrationsprobleme. Wenn doch das Beschriebene zeigt, wie Eltern anderer Kulturkreise ihre Kinder – eigentlich in unserem Sinne – zu anständigen Menschen erziehen, warum gibt es dann missglückte Integration?

Wo die Integrationsschwierigkeiten zu suchen sind

Seit der Ausbreitung der 68er Ideologien, welche unser christlich-abendländisches Werte­fundament nachhaltig erschütterten, sind viele Menschen verunsichert. Eltern stellen sich die Frage, bin ich zu autoritär, wenn ich von meinem Kinde Mitarbeit und Hilfe, Engagement für andere und ein Sich-Anstrengen für wertvolle Ziele im Leben erwarte? Vielleicht erahnen oder sehen Eltern noch familien- und sozialfeindliche Ergebnisse durch zum Beispiel Fernsehkonsum, Computerspiele und Handygebrauch – wie oft sieht man Jugendliche bei einer Verabredung mit ihrem Handy herumhantieren statt miteinander zu sprechen – und nächtlichen Ausgang.Aber, was unternehmen wir dagegen?
Und die Migranteneltern, solange sie sicher und fest überzeugt davon sind, dass ihre Erziehung im oben beschriebenen Sinne gut und für das Kind die beste ist, werden sie ihr Kind weiterhin auf dem richtigen Weg begleiten. Die Kinder werden sich an positiven Vorbildern orientieren. Sobald sie aber nur ein Fünkchen Unsicherheit empfinden und sich zu sehr Negativvorbildern anschliessen, wird auch das Kind verunsichert, oft mit dem Ergebnis, dass es orientierungslos ist und danach zu streben versucht, das störende Verhalten «noch besser» zu beherrschen als ein Teil der hiesigen Freunde.
Der Vater zum Beispiel, der mir schildert, dass seine Tochter seiner Frau nicht beim Kochen hilft, sondern statt dessen fernsieht, antwortet auf mein eher rhetorisches Nachfragen, ob sie in ihrem Heimatland, in Sri Lanka, auch so handelten: «Nein, sicher nicht, aber hier wollen wir uns ja integrieren.» Mit demselben Argument fragt eine arabische Mutter, deren Kind in der Schule nervös und unkonzentriert ist, was sie denn mit ihrer Tochter statt fernsehen machen könne. Im Heimatland sei das alles ganz einfach gewesen, da hätten die Kinder das ganze Jahr über draussen gespielt, was hier ja gar nicht möglich sei. Oder die Mutter, deren fast erwachsener Sohn immer noch mit ihr einkaufen geht und ihr hilfsbereit die schweren Einkaufstaschen trägt. Viele einheimische Kollegen quittierten dies mit der Bemerkung: Er sei wohl ein Muttersöhnchen. Geht in diesem Fall die gleichaltrige Gruppe vor, wird sich der Sohn daran orientieren.

Möglichkeiten, eine positive Integration zu fördern

Was spricht dagegen, dass auch wir von unseren Kindern wieder das einfordern, was viele Ausländerfamilien immer noch als selbstverständlich erachten, und Tugenden wieder Zentrum unseres Miteinanders und der Kindererziehung im Hinblick auf eine zukünftige gesellschaftstragende Generation werden?
Nachdem die Mutter den Fernsehkonsum des Kindes drastisch eingeschränkt hatte, beruhigte sich die Tochter unmittelbar. Dies wäre auch in bezug auf Handygebrauch und Computernutzung möglich. Und was die Alternative zum draussen Spielen betrifft: In der Schweiz, wie auch in anderen Ländern, gibt es zum Beispiel eine grosse Zahl von Vereinen, welche aus dem Leben der meisten Schweizer nicht wegzudenken sind. Vereine, die dem Gemeinwohl dienen, wie der Samariterverein oder das Rote Kreuz, aber auch Sport- und Freizeitvereine, Kinderturnen oder Pfadfinder sind nicht nur sinnvolle Freizeitgestaltung, sie vermitteln auch das Gefühl, ich bin wichtig für andere und kann etwas Positives bewirken. So lernen Kinder, neben Elternhaus und Schule, Verantwortung zu übernehmen und ihren Platz als verlässliche und ehrliche Mitgestalter einer friedlichen Gesellschaft und Welt einzunehmen.    •