Erziehen, bilden und forschen für das Bonum commune

Zur Ausstellung «Natura sacra – Der Frühaufklärer Johann Jakob Scheuchzer»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Was gründliche Bildung und Wissenschaft zum Allgemeinwohl leisten können, wird dem Besucher der Ausstellung in der Zentralbibliothek vor Augen geführt. Sie gewährt Einblick darin, welche grossen Gelehrten die Stadt Zürich seit Jahrhunderten hervorgebracht hatte. In der bis zum 2. März 2013 dauernden Ausstellung wird anhand wertvoller Bücher, Dokumente, Naturalien und Kupferstiche Einblick in die Zeit der Frühaufklärung ermöglicht. Eine besonders herausragende Persönlichkeit war der Zürcher Mediziner und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer. 1672 in Zürich geboren, wirkte er nach seiner Promotion zum Dr. med. ab 1695 als Stadtarzt, Waisenhausarzt, Kurator der Bürgerbibliothek und des Naturalienkabinetts. Ab 1710 hatte er auch einen Lehrauftrag für Mathematik an den beiden obersten Lehranstalten Zürichs, kurz vor seinem Tod 1733 wurde er zum Professor physicus am Carolinum berufen.

Die Zentralbibliothek Zürich (ZBZ) gestaltete vor 40 Jahren, 1972, anlässlich des 300. Geburtstages von Johann Jakob Scheuchzer eine viel beachtete Ausstellung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten entstanden zahlreiche neue Forschungsarbeiten, die den grossen, international geachteten Gelehrten als Frühaufklärer erfassen, «der an der Schwelle einer neuen Zeit selbst ungewohnte Wege beschritt und empirischen Methoden verpflichtet war.» Johann Jakob Scheuchzer hat auch grosse Leistungen für die wissenschaftliche Erforschung der Schweiz erbracht. Gleich am Beginn der Ausstellung kann der Besucher eine hydrologische Karte bestaunen, welche die grossen Wasservorräte der Schweiz zeigt. Bei seinen zahlreichen naturkundlichen Bergwanderungen sind ihm im Wunder der Natur «die Augen in der Erforschung der Wahrheit aufgegangen». Zur Eröffnung der Ausstellung stellte Frau Prof. Susanna Bliggensdorfer, Direktorin der Zentralbibliothek Zürich, die Frage in den Raum, ob wohl heute eine solch breite Studienwahl mit «Bologna-System» noch möglich sei. Denn der Besucher wird zum Nachdenken über den inhaltlichen Ab- und Umbau in der heutigen Bildungslandschaft angeregt.
Die ausgezeichneten erklärenden Texte von Dr. Urs B. Leu, dem Herausgeber des lesenswerten Katalogs, sind für jeden Besucher eine wertvolle Wegleitung durch die Ausstellung. Im folgenden sollen hier daraus Auszüge zitiert werden.

Eine neue Zeit bricht sich Bahn – Descartes und Grotius

Zu Beginn des Rundgangs werden wichtige wissenschaftsgeschichtliche Zeitströmungen des 17. Jahrhunderts mit wunderschönen Büchern und Dokumenten dargestellt. Sie machen deutlich, dass trotz Widerständen und Auseinandersetzungen mit religiösen Strömungen das wissenschaftliche Befragen der Natur, das aufkommende Vernunftsdenken und die Demokratieentwicklung mehr Gewicht bekamen.
«Die Wirren der Glaubenskriege setzten nicht nur neue religiöse, sondern auch philososphisch-politische Kräfte frei, die sich ein Stück weit in den beiden Gelehrten René Descartes (1596–1650) und Hugo Grotius (1583–1645) kristallisierten», der mit seinem «De jure belle ac pacis» auch ein Begründer des Völkerrechts wurde.

Aufblühen der Naturwissenschaften

Die Naturwissenschaften blühten auf, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde auch eine lebhafte Debatte über das heliozentrische Weltbild und die verschiedenen Auffassungen geführt.
«Die Traditionalisten beriefen sich auf das antike Weltbild des Ptolemäus, das die Erde in den Mittelpunkt des Weltalls setzte, während im revolutionären Modell des Nikolaus Kopernikus (1473–1543) die Sonne im Zentrum stand. Tycho Brahe (1546–1601) wiederum versuchte, zwischen den beiden Systemen zu vermitteln, indem er das geozentrische Weltbild beibehielt, aber die anderen Planeten um die Sonne kreisen liess. Scheuchzer vertrat wie sein Altdorfer Lehrer Christoph Sturm das heliozentrische Weltbild des Kopernikus, was ihm in Zürich einige Feinde einbrachte. Auf Grund einer Anordnung der Zürcher Zensurbehörde musste er in der Physica sacra dem in weiten Kreisen der Wissenschaft schon anerkannten kopernikanischen Weltbild die beiden anderen Modelle von Ptolemäus und Tycho Brahe einander gleichwertig gegenüberstellen. Schliesslich setzte sich auch in Zürich, nicht zuletzt dank Scheuchzer, noch im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts das heliozentrische Weltbild durch.»
Infolge der teilweise massiven Anfeindungen seitens der orthodoxen Theologen begannen sich die liberalen Kräfte in drei gelehrten Gesellschaften selbst zu organisieren. Hinter verschlossenen Türen konnte so frei über die anstehenden Fragen diskutiert werden.
«Die älteste Gesellschaft nannte sich ­Collegium Insulanum (1679–1681), der das Collegium der Vertraulichen (1686–1696) und das Collegium der Wohlgesinnten (1693–1709) folgten.» Scheuchzer wirkte ab 1697 als Aktuar des Collegiums der Wohlgesinnten.

Scheuchzers Beiträge zur Erforschung der Schweiz und zur Naturwissenschaft

Johann Jakob Scheuchzer bildete sich bei zahlreichen Auslandaufenthalten weiter. Besondere Leistungen erbrachte der grosse Naturwissenschaftler zur Erforschung der Schweiz mit ihrem Schatz an Gebirge und Wasser mit seinen neun grossen Schweizer Reisen von 1702–1711. Dabei sammelte er empirisches Material und führte seine berühmten barometrischen Höhenmessungen durch. Von seinem Vorgänger Johann Jakob Wagner (1641–1695), der auch als Waisenhausarzt und Bibliothekar wirkte, «erbte er auch sein Interesse für die Naturgeschichte der Schweiz, der er sich lebenslänglich zuwandte. Es war sein Bestreben, sein Vaterland ethnographisch, geographisch, historisch und naturwissenschaftlich zu beschreiben, was sich in zahlreichen Publikationen niedergeschlagen hat. Besondere Beachtung verdient sein 1699 in deutscher und lateinischer Sprache gedruckter und zahlreichen Gelehrten zugesandter Einladungsbrief zur Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im Schweitzerland befinden. Mittels der darin enthaltenen 186 Fragen hoffte er, Informationen über verschiedenste Aspekte der Eidgenossenschaft zusammentragen zu können.»
Interessant ist in der Ausstellung auch, wie die Fachzeitschriften in der Zeit der Frühaufklärung aufkommen und zum wissenschaftlichen Dialog und zur Allgemeinbildung beitragen. «Ab 1665 erschienen die beiden ersten wissenschaftlichen Zeitschriften in Form des in Paris gedruckten Journal des Sçavans und der in London verlegten Philosophical Transactions of the Royal Society. In den folgenden Dekaden nahm die Zeitschriftenproduktion in verschiedenen Ländern sprunghaft zu, weil diese regelmässig und in relativ kurzen Abständen erscheinenden Informationen über Neuentdeckungen für die Gelehrten wichtig wurden und die Forschung beschleunigten. Wer sich nicht auf dem laufenden hielt, verpasste den Anschluss. Auch Scheuchzer erkannte den Wert des neuen Mediums, veröffentlichte er doch immerhin 160 seiner 256 Publikationen in verschiedenen Periodika.»
Ab 1694 erschienen auch in der Eidgenossenschaft verschiedene Zeitschriften. Die Nova literaria helvetica, die von 1702 bis 1715 in Lateinisch erschien, und die deutschsprachige Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlands, die von 1705 bis 1707 wöchentlich herauskam, wurden von Scheuchzer gegründet.
Eine naturwissenschaftliche Allgemeinbildung, Mathematik und Physik wurden immer wichtiger. Auch der Reformator Zwingli forderte dies schon 1525. Als Scheuchzer ab 1710 die Möglichkeit hatte, am Collegium publicum sowie am Collegium humanitatis als den beiden obersten Zürcher Schulen wenige Stunden Mathematik zu unterrichten, wurde die mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung in der Limmatstadt verbessert. Sein Schüler Johannes Gessner (1709–1790) führte aus Mangel an öffentlichen Schulen Physik-Kollegien auf privater Basis durch. Scheuchzers Mathematik- und Physiklehrbuch Physica erlebte im 18. Jahrhundert vier Auflagen. Obwohl er sich bei der Optik auf Newton berief, sah Scheuchzer immer im Wunder der Natur auch einen Schöpfer.

Scheuchzer als naturkundlicher Sammler, Bibliothekar und Korrespondent

Fossilien, Mineralien und Pflanzen vermitteln wichtige naturhistorische Erkenntnisse. Über die «Sintflut-Theorie» wurde heftig debattiert. Scheuchzer war der Überzeugung, dass die Sintflut im Frühling entscheidend war für die Rekonstruktion der Naturgeschichte. Mit zahlreichen speziellen Fossilfunden, mit einer «Gerstenähre», einer Hasel­nuss und zwei Libellenlarven versuchte er dies zu belegen. Spätere Forschungen präzisierten diese Annahmen.
Wunderschön sind in der Ausstellung die Herbarien von Scheuchzer. Dabei orientierte er sich an der Systematik des Franzosen ­Joseph Pitton de Tournefort (1656–1708), der die Pflanzen nach ihren Blumenkronen und Früchten einteilte. «Scheuchzers besonderes Interesse galt den Schweizer und insbesondere den Alpenpflanzen, was nicht zuletzt darin zum Ausdruck kommt, dass er wiederholt zusammen mit der Alpendistel Eryngium alpinum abgebildet wurde.»
Durch die wissenschaftliche Korrespondenz wurden auch Sammlerstücke aus der Natur getauscht. 1716 publizierte Scheuchzer auf Wunsch seines englischen Freundes Hans Sloane (1660–1753) ein originelles gedrucktes Verzeichnis seiner Sammlung mit 1513 Fossilien und 1995 Mineralien.
Scheuchzer amtete auch als Kurator der Bürgerbibliothek und beherbergte in seinen Räumen eine umfangreiche private Bibliothek mit etwa 5000 Werken. Er stand auch mit wichtigen Persönlichkeiten in Briefkontakt. So mit Johann Bernoulli (1667–1748) in Basel und mit Gottfried W. Leibniz (1646–1716), der Scheuchzers Publikationstätigkeit und insbesondere seine empirischen Forschungen im Bereich der Höhenmessungen mit grossem Interesse verfolgte.
«England und insbesondere London spielte als Sitz der berühmten Royal Society und anderer Forschungseinrichtungen in der wissenschaftlichen Landschaft des 17. und 18. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.» Der Mediziner John Woodward (1665–1728), selbst Mitglied der Royal Society, verfasste und versandte Fragebriefe («Instructions»), um damit das Wissen in Natur- und Lebenskunde zu vermehren.
Neben den Basler gehören die Bünder Briefe wohl zu den bedeutendsten Teilen Scheuchzers Korrespondenz. Mit dreissig Briefpartnern war er im Kontakt. So mit Priester Johannes Leonhardi (1651–1725), den Adligen Rudolf von Rosenroll (1671–1730) und Rudolf von Salis-Soglio (1652–1735). «Nach der Veröffentlichung seines Einladungsbriefs zur Erforschung natürlichen Wunderen ergaben sich zahlreiche Kontakte zu Mitgliedern der politischen und kirchlichen Eliten des Alpenraumes. Scheuchzer tauschte nicht nur wissenschaftliche und gelehrte Nachrichten, sondern auch Informationen über politische und konfessionelle Angelegenheiten aus.» Briefe, Zeitschriften und Bücher wurden so zu wichtigen Elementen der Frühaufklärung. Dabei war die Stärkung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts als Schulung des logischen, rationalen und vernunftsmässigen Denkens zentral. Wie diese «Gelehrtenkorrespondenz» mit den Tausenden von Briefen sorgfältig erforscht wird, machte Frau Dr. Simona Boscani Leoni an der Eröffnung der Ausstellung deutlich.

Die Aufklärung setzt sich durch – Bildung für das Bonum commune

Nach Scheuchzers Tod vollzog sich in Zürich gegen die Jahrhundertmitte ein tiefgreifender Wandel des Weltbildes. Auf die Akzeptanz des Heliozentrismus und damit einer neuen Kosmologie folgte die Abkehr von der Sintflut-Geologie, die sämtliche Sedimentgesteine und Fossilien als Resultat einer globalen Flut zu erklären versuchte. Scheuchzers Schüler Johannes Gessner studierte unter anderem in Paris und kam dort in Kontakt mit der französischen Aufklärung. Durch ihn wurden wichtige Arbeiten zum Beispiel von Benoît de Maillet (1656–1738), Georges-Louis Marie Leclerc und Comte de Buffon (1707–1788) bekannt, die Evolutionsmodelle formulierten.
Dieser humanistischen Tradition müssen wir Sorge tragen: der Erziehung, der Bildung, der Forschung, unseren Schulen und dem ausgezeichneten dualen Bildungssystem. Bildung darf nicht missbraucht werden. Unserer Jugend soll das hier dargestellte ethisch hohe Bildungsniveau offenbleiben, damit sie mit einer soliden Grundausbildung vermehrt auch den Weg zu qualifizierten Mathematikern, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren gehen und so ihren Beitrag für die Gesellschaft und das Allgemeinwohl leisten kann.    •

Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Die Ausstellung ist bis 2. März 2013 von Mo–Fr 13–17 Uhr,
Sa 13–16 Uhr offen (über die Festtage geschlossen). Über Führungen (auch öffentliche) und Vorträge kann man sich über www.zb.uzh.ch  oder
Tel. 044 268 31 00 informieren.
Die Unterstützung des «Instituts für Kulturforschung Graubünden (ikg)» hat die Ausstellung ermöglicht.