Freude schenken

von Julia Zurfluh

Das Jugendrotkreuz Aargau bringt Abwechslung ins Alterszentrum Kehl. Einmal im Monat organisieren junge Rotkreuz-Freiwillige ein Nachmittagsprogramm für die Bewohnerinnen und Bewohner. Sowohl die junge als auch die alte Generation profitiert von der Zeit zusammen, wie hier beim Guetzli­backen.
«Die Jungen brachten die Sonne mit», strahlt Kehl-Bewohnerin Nelly Bünzli. Die ganze Woche war das Alterszentrum Kehl in Baden in dickem Nebel eingepackt. Just an diesem Samstag aber drückt die Sonne durch. Einige Bewohnerinnen warten schon gespannt im Aufenthaltsraum.
Guetzli backen und verzieren ist heute angesagt. «Es läuft etwas im Kehl!», ruft Nelly Bünzli begeistert aus.
Die jungen Rotkreuz-Freiwilligen packen das Unterfangen «Guetzlen» zielsicher an und verteilen das Backmaterial. Die Koordinatorin vom Jugendrotkreuz Aargau, Jeanine Brunner, freut diese Selbständigkeit. Nadine und Raffael rollen den Teig aus. «Früher backte ich oft Guetzli. Nach einer Achseloperation kann ich leider keinen Teig mehr ausrollen. Schön, dass ich heute endlich wieder einmal Guetzli backen kann!», freut sich Nelly Bünzli und lächelt Nadine an, die ihr eine Ausstechform in die Hand gibt. Weil der 86jährigen die Kraft fehlt, drücken Nadine und sie gemeinsam die Form in den Teig. Die Lieblingsausstechform ist der Stern.
«Die Jungen holen uns die Sterne vom Himmel, wie nett!», scherzt Nelly Bünzli und erntet Gelächter. Beim Ausstechen plaudert die Gruppe und sammelt bereits Ideen für ihren nächsten gemeinsamen Nachmittag. Die 21jährige Nadine schlägt etwas Spezielles vor: «Wollen wir das nächste Mal mit der Nintendo Wii spielen? Das ist eine Spielkonsole für das Fernsehgerät. Mit einer Fernbedienung kann man Figuren bewegen.» Nelly Bünzli ist hell begeistert und meint keck: «Ich bin so oder so für jeden Blödsinn zu haben.» Die Generationen tauschen sich an diesen gemeinsamen Nachmittagen problemlos aus. «Bei den Gesprächen mit den Seniorinnen und Senioren erfahre ich manchmal Dinge, die wir später im Geschichtsunterricht behandeln. Das ist schon cool!», meint der Jüngste im Bunde, der 15jährige Raffael. «Ich wollte meine restliche Zeit neben Schule und meinen Hobbys sinnvoll nutzen. Deshalb habe ich mich entschlossen, beim Jugendrotkreuz Aargau mitzumachen. Ich bereite gerne anderen eine Freude», erklärt er seine Motivation. «Mir gefällt auch, dass ich für einmal mit wesentlich älteren Menschen zusammen bin. Mit ihnen kann ich für einmal über etwas anderes sprechen als mit meinen Kollegen.»
Schon bald strömt der Duft von frisch gebackenen Guetzli durch den Aufenthaltsraum. Jetzt gehts ans Dekorieren. Die 92jährige ­Sylvia Zaugg bestreicht mit einer Engelsgeduld die Schokoladenherzen mit rosarotem Guss und drückt Zuckersterne drauf. «Sylvia, bist du Kunstmalerin?», scherzt Nelly Bünzli, «du kannst die Guetzli danach im Gang bei den Rosenbildern ausstellen.» Nadine sitzt daneben und hält geduldig den Guss parat, damit Sylvia Zaugg ihren Pinsel eintauchen kann. Jedes Guetzli wird so zu einem kleinen Kunstwerk. «Sehr schön machen Sie das!», lobt Raffael, «wollen Sie noch einmal einen Stern verzieren?» Die jungen Freiwilligen gehen auf Wünsche und Bedürfnisse der Betagten ein. Sie führen sie beim Gehen sanft am Arm, schieben die Rollstühle und sind ihnen beim Aufstehen behilflich. Diese Aufmerksamkeit geniessen die Seniorinnen sichtlich. Bevor die Teller mit den fertig dekorierten Guetzli überquellen, packen die Hobby-Bäckerinnen die Backwaren in hübsche Säcklein ein. «Die anderen auf meinem Stock werden bestimmt eifersüchtig, wenn ich mit meinen Guetzli auftauche», meint Nelly Bünzli. Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Schon kommen die Pflegerinnen, um die Bewohnerinnen abzuholen. «Nach zwei Stunden müssen wir jeweils aufhören, weil Menschen in so einem hohen Alter schneller ermüden. Am Anfang planten wir immer viel zu viele Aktivitäten. Wir mussten lernen, uns dem Tempo anzupassen. Es braucht einfach alles etwas mehr Zeit», meint Jeanine Brunner. «Heute hätten wir unser Programm aber verlängern können», schmunzelt sie und beugt sich zu Sylvia Zaugg runter. Die 92jährige Dame widmet sich immer noch leidenschaftlich der Dekoration und klebt Sternchen für Sternchen auf die Guetzli. Nadine sitzt daneben und hält weiterhin geduldig den Zuckerguss parat.    •
Quelle: Humanité 1/2012

Junge Vorbilder für Menschlichkeit

Beim Jugendrotkreuz (JRK) engagieren sich Jugendliche in den Bereichen Gesundheit und Integration. Sie setzen sich in ihrer Freizeit für Menschen ein, die besonders auf Hilfe angewiesen sind. Dabei ist ihr Engagement so vielfältig wie die Jugendlichen selbst.
«Ich möchte jungen Menschen mit einer Behinderung die Möglichkeit geben, Dinge zu unternehmen oder sich wie die Nichtbehinderten ohne Eltern mit Freunden zu treffen.» Die 20jährige Rea engagiert sich im Jugendrotkreuz Basel und verbringt einen Teil ihrer Freizeit mit Manuela, die auf den Rollstuhl angewiesen ist.
So wie Rea setzen sich rund 500 Jugendliche und junge Erwachsenen im JRK ein. Mitmachen können alle zwischen 15 und 30 Jahren, die sich in ihrer Freizeit sinnvoll engagieren wollen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Beispielsweise organisieren die jungen Freiwilligen in Durchgangszentren für asylsuchende Kinder Spielnachmittage, damit diese für einmal ihren Alltag vergessen können. Oder sie fördern im Nachhilfeunterricht fremdsprachige Kinder. Wiederum andere gestalten Unterhaltungsnachmittage im Altersheim wie die Jugendlichen (vgl. Beitrag auf dieser Seite). Beim Projekt «Sport und Kochen» des Zürcher Jugendrotkreuz ermöglichen die Freiwilligen benachteiligten Kindern eine tolle Sportwoche und bringen ihnen nebenbei die Grundsätze einer gesunden Ernährung näher.
Die jungen Freiwilligen treffen bei ihren Einsätzen nicht nur Gleichgesinnte und haben viel Spass, sondern erwerben auch wichtige Fähigkeiten. «Ich lerne beim JRK vieles, was mich kein Buch lehren kann», meint Melanie vom Jugendrotkreuz Zürich. Die jungen Freiwilligen erweitern ihren Horizont, lernen die Lebensrealität anderer Menschen kennen und sammeln Erfahrungen. Gemeinsam können die Jugendlichen etwas bewegen. Mitdenken und mitbestimmen ist im Jugendrotkreuz angesagt. «Wir dürfen bei allen Aktivitäten mitbestimmen. So können wir gemeinsam das JRK weiterentwickeln. Das gefällt mir», fügt Eva vom Jugendrotkreuz Zürich nicht ohne Stolz an.
Das Jugendrotkreuz gibt es in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Aargau, Basel-Stadt, Neuenburg, Freiburg, Genf und Tessin.

Julia Zurfluh

Möglichkeiten für freiwilliges Engagement bieten

Fragen an Jeanine Brunner

Die 26jährige koordiniert und betreut seit 2010 die Einsätze der jugendlichen Freiwilligen beim Jugendrotkreuz Aargau.
Humanité: Warum besuchen die Jugendlichen betagte Menschen?
Jeanine Brunner: Die Idee kam von den Jugendlichen selbst. Sie wünschten ein generationsübergreifendes Projekt und kamen mit dieser Idee auf uns zu. Wir nahmen Kontakt mit dem Alterszentrum Kehl auf und wurden mit offenen Armen empfangen. Es freut mich, dass wir das Programm frei gestalten dürfen und man somit den Jugendlichen Vertrauen entgegenbringt. Aber auch die Betagten haben grosse Freude am Austausch zwischen den Generationen.

Kann man sagen, die Jugendlichen werden reifer durch ein solches Engagement?
Ja, dieses Engagement ist für die Freiwilligen eine gute Lebensschule. Wir beobachten regelmässig, dass die Jugendlichen in ihren Einsätzen selbstständiger, selbstsicherer und reifer werden. Unsere Freiwilligen wirken erwachsener als andere Jugendliche in ihrem Alter.

Hilft das soziale Engagement beim beruflichen Werdegang?
Die Jugendlichen erhalten einen Sozial­zeitausweis, der ihr Engagement bestätigt. Dieser Sozialzeitausweis ist vor allem bei der Stellensuche nützlich. Sie heben sich so von ihren Gleichaltrigen ab. Zudem erhalten die Freiwilligen kostenlose Weiterbildungskurse, die ihnen für ihr Engagement sowie persönlich etwas nützen.